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Fazit zur Mainzer Minipressen-Messe 2023 oder: Was kostet eigentlich eine Buchmesse?

Blick auf die Aussteller der Mainzer Minipressen-Messe 2023 von der Empore aus

Liebe Leserinnen und Leser,

vom 18. bis 21. Mai war die Mainzer Minipressen-Messe, eine Messe für kleine Verlage, Buchkunst und Grafik, und wir waren zum ersten Mal dabei. Außerdem war es für uns die erste Messe seit Herbst 2021, und meine Güte, wie hat uns der Kontakt zu Leser*innen und anderen Buchmenschen gefehlt! Gerade wenn wie bei uns die meiste Arbeit im Homeoffice stattfindet, sind solche Gelegenheiten wichtig, bei denen die Bücher Frischluft schnuppern können.

Für mich ist es immer sehr interessant, wie sie vom Publikum aufgenommen werden. Welches Buch wird am Messestand zuerst in die Hand genommen? In welchen Büchern blättern Interessierte am längsten? Welches Buch fordert zu Nachfragen heraus, oder zu Widerspruch? Welches Buch lädt ein, eigene Erlebnisse oder Erinnerungen zu teilen?

Interessanterweise verläuft jeder Messetag etwas anders. Es kann passieren, dass ein Buch, das am ersten Tag alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, am nächsten Tag vollkommen links liegen gelassen wird. An dem einen Tag interessiert sich niemand für Postkarten, an dem anderen verkauft man Postkarten am laufenden Band. Eines unserer Bücher verkaufte sich nur am ersten und am letzten Tag, dann aber gleich mehrfach. Über ein Buch wurde am Donnerstag und am Samstag lebhaft diskutiert, am Freitag gab es kein einziges Gespäch dazu.

Aufsteller mit dem Plakat der Minzer Minipressenmesse 2023 vor der Rheingoldhalle
Löwe an einem alten Stadttor vor der Rheingoldhalle

Gleich am ersten Messetag, dem Donnerstag, kamen offenbar die Superfans der Minipressen-Messe – ausgehungert und kaufwillig, denn die Messe war seit 2021 zweimal verschoben worden. Viele nahmen gleich zwei Bücher mit, was sich sehr mäzenatisch anfühlte und die Verlegerin (mich) sehr erleichterte, weil die Deckung der Messekosten durch den Buchverkauf gleich am ersten Tag in erreichbare Nähe rückte. Besonders nett ist es auch immer, wenn Freund*innen und Bekannte vorbeischauen (ich winke zu Anja, Ute, Tanja, Gisela und Guido), und daneben ergeben sich Gespräche mit anderen Ausstellenden, Ideen für Buchprojekte und man kann Menschen treffen, die man bisher nur aus dem Internet kennt. Toll waren auch die Standnachbarinnen von “Von weit her(geholt)”, zwei Künstlerinnen als Bremen, deren selbstklebende Wurstplatte den Mittelpunkt der Party bildete.

Was kostet eine Buchmesse aus Verlagssicht?

Wieviel kostet es nun, an einer Buchmesse teilzunehmen? Da ich das in letzter Zeit öfter gefragt wurde (und auch gefragt wurde, warum der Verlag bisher nicht bei der Leipziger und Frankfurter Buchmesse vertreten ist), möchte ich hier die Kosten für eine Messe am Beispiel der Mainzer Minipressen-Messe aufschlüsseln.

Bei einer Messeteilnahme werden zuerst natürlich Standgebühren fällig. Wie man sich denken kann gilt: je größer der Stand, desto teurer. Man mietet entweder die Fläche und bringt seinen Stand und die ganze Ausstattung selbst mit, oder man mietet die Fläche mit Ausstattung an, also z. B. mit einem Tisch und ein bis zwei Stühlen. Alle Extras, zum Beispiel weitere Stühle oder eine Steckdose am Stand, muss man dazubuchen und bezahlen.

Die Mainzer Minipressen-Messe ist eine subventionierte, nicht-kommerzielle Sonderveranstaltung der Stadt Mainz, daher kostet der Stand nur einen symbolischen Preis: 2023 waren das 99 Euro Anmeldegebühr für die kleinste Standgröße, einen Tisch von 2 m Länge mit zwei Stühlen. Als schöne Überraschung hatten die Stände eine Rückwand. Das war in der Anmeldung nicht ersichtlich und führte dazu, dass ich morgens vor dem zweiten Messetag noch schnell drei Rollen einfarbiges Geschenkpapier besorgte, um das hässliche Filzstiftgekrakel auf der weißen Standrückwand abzudecken.

Eben war schon von Geschenkpapier die Rede: Für die Standausstattung kann man natürlich unterschiedlich viel Geld ausgeben. Mir reichte das Geschenkpapier, eine Rolle Tesafilm und eine schon vor Jahren für Messen angeschaffte schwarz-weiß gestreifte Tischdecke, andere lassen sich Banner mit dem Verlagsnamen und -logo drucken, Leuchtkästen bauen und stellen Beachflags, Roll-ups und alles auf, was das Sortiment der Werbeindustrie hergibt.

Dasselbe gilt für Werbematerial, Prospekte und Flyer. Verlagsvorschauen als geklammerte Broschüre aus schönem Papier kosten mehr als 1 Euro pro Stück, wenn man nicht gerade Tausende drucken lässt, einfache Flyer oder Postkarten bei kleinen Mengen um die 15 bis 20 Cent. Ich hatte Postkarten als Verlagswerbung und Postkarten für das Buch “Abschaffung der Problemzonen” von Meike Rensch-Bergner dabei, davon gingen etwa 200 Stück weg. Außerdem hatte ich zwei Tage vor der Messe die Idee zu einem kleinen, minimalistischen, handgemachten Verlagsprospekt, von dem ich 50 Stück mitbrachte und am ersten Messetag am Stand faltete, schnitt und mit Stoffstückchen beklebte. Alles in allem fielen für Werbematerial etwa 35 Euro an, es hätte aber leicht ein Vielfaches sein können. Dann muss man noch an viele kleine Ausgaben denken: Gebühren für das bargeldlose Bezahlen am Stand. Eventuell Papiertüten, damit die Leser*innen die Bücher heil nach Hause kriegen. Quittungsblock, Taschenrechner, Klebeband, Sicherheitsnadeln für alle Fälle.

Dazu kommen die Kosten für die Fahrt und den Aufenthalt: Die Bahnfahrt für zwei Personen Berlin-Mainz und zurück gab es Dank eines Mitfahrergutscheins für knapp 150 Euro. Mit dem 49-Euro-Ticket waren die Fahrten im Stadtgebiet Mainz schon abgedeckt, und auch für die 5 Übernachtungen von Mittwoch bis Montag zahlten mein Begleiter und ich nichts, denn wir konnten die Wohnung eines Freundes nutzen, der in der Zeit in Berlin in unserer Wohnung war. Sowas ist natürlich ein Glücksfall und zählt als Verlagssponsoring. Andernfalls wären das Übernachten nochmal gut 350 Euro gewesen, wobei sich die Zahl der Übernachtungen auf drei reduzieren (aber die Erschöpfung vervielfachen)ließe, reiste man erst Donnerstag früh an und gleich Sonntag Abend nach Messeschluss wiederab.

Woran ich auch nicht gespart habe, war das Essen: Wir gingen jeden Abend zu zweit auf Verlagskosten ins Restaurant und tranken jeden Tag einen (guten) Kaffee auf der Messe. Natürlich hätte man abends auch einfach in der Gastwohnung eine Fertigpizza in den Ofen schieben und ansonsten trocken Brot essen können, aber ich finde es für die Stimmung wichtig, wenigstens einmal am Tag richtiges Essen und zwischendurch richtigen Kaffee zu bekommen, wenn man schon den ganzen Tag arbeitet.denn ein Messetag ist lang und anstrengend. Dafür war das Frühstück in der geborgten Wohnung spartanisch (Nescafé!) und den Tag über retteten wir uns mit Obst und Brezeln, so dass wir für Essen etwa 200 Euro ausgaben.

Alles in allem kamen also etwa 485 Euro an Ausgaben für die vier Messetage zusammen, und obwohl ich finde, dass wir ganz guten Umsatz hatten, bleiben nach Abzug dieser Kosten keine 200 Euro übrig, von denen man dann nicht nur 7 % Mehrwertsteuer auf den gesamten Umsatz, sondern natürlich auch die Druck- und sonstigen Produktionskosten der verkauften Bücher abziehen muss. Und von den Kosten, die man betriebswirtschaftlich gesehen auch noch veranschlagen müsste, nämlich Arbeitslohn für mich und für meinen Helfer für Standbetreuung plus Auf- und Abbau, haben wir noch gar nicht gesprochen.

Wenn man dann weiß, dass man bei anderen kleinen Buchmessen eher mit 250 bis 350 Euro Standgebühren rechnen muss und dass der kleinste Stand auf der Leipziger Buchmesse 2023 etwas über 1000 Euro kostete (und ich in Leipzig niemanden zum Übernachten kenne), dann ist klar, dass ein sehr kleiner Verlag wie Texte + Textilien sehr gut abwägen muss, ob so viel Geld und mehrere Tage unentgeltliche Arbeit für eine Werbemaßnahme vernünftig sind. Denn natürlich erhöht eine Messeteilnahme die Bekanntheit und bietet die Gelegenheit, Leser*innen zu erreichen, die den Verlag noch nicht kennen und muss sich aus diesem Grund nicht unmittelbar “rechnen”, kleine Verlage müssen aber unter Umständen abwägen, ob sie sich einen Messeauftritt leisten oder lieber noch ein Buch finanzieren.

Was die Mainzer Minipressenmesse betrifft, muss ich nicht lange überlegen: Eine Erinnerung für die nächste Messe, die erst 2025 stattfinden wird, ist bereits im Kalender vermerkt. Die MMPM hat Spaß gemacht und war von Veranstalterseite perfekt organisiert. Wir kommen gerne wieder.

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Drei Zimmer für uns allein oder: Wie “Abschaffung der Problemzonen” entstand

Liebe Leserinnen und Leser,

sicher kennen Sie Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own, Ein Zimmer für sich allein, und den daraus oft zitierten Satz, um Fiktion zu schreiben, brauche ein Frau 500 Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer, kurz gesagt: finanzielle Unabhängigkeit und Raum zum ungestörten Arbeiten. In dem zwei Jahre später erschienenen Essay Professions for Women*) schrieb Woolf darüber hinaus, es sei nötig, den sogenannten “Engel im Haus” in sich abzutöten, um schreiben zu können, also die sorgende, Care-Arbeit übernehmende Frau, die sich mehr um die Bedürfnisse aller anderen im Haushalt kümmere als um die eigenen, die Frau, die ihre Zeit, ihre Arbeitskraft und ihre emotionalen Ressourcen für andere aufwende.

An diese beiden Texte musste ich im Entstehungsprozess der “Abschaffung der Problemzonen” von Meike Rensch-Bergner sehr oft denken. Erste Ideen für ein Buch, das die Diskurse über Frauenkörper und Kleidung aus feministischer Perspektive verbinden sollte, tauschten Meike und ich schon Anfang 2016 aus. Aber kontinuierlich, zielstrebig daran weiterzuarbeiten, war uns beiden kaum möglich, denn allerlei Verpflichtungen in der Familie, Sorge für Kind, alte Eltern, Ehepartner, kurz gesagt: Die Verpflichtungen des Engels im Haus kamen dazwischen. Im März 2019 war Meike zwei Tage in Berlin und wir diskutierten in dieser Zeit fast ununterbrochen über die mögliche Struktur des Buchs, tranken zusammen literweise Kaffee und hatten viele Ideen (unter anderem für eine Schnittmusterbeilage), die wir wieder verwarfen, veränderten und neu zusammenstrickten – aber in den zwei Tagen erreichten wir mehr als in den Wochen zuvor. Meike schickte mir erste ausformulierte Kapitel und schrieb quasi nebenbei “Passt Perfekt. Schnittmuster an die eigene Körperform anpassen” für den EMF-Verlag, das seither zu dem Standardwerk über Schnittmusteränderungen für Hobbyschneiderinnen geworden ist, und gleich im Anschluss die Fortsetzung, “Passt Perfekt Plussize”.

Work in progress in Bassendorf

2020 kam die Pandemie und damit, wie wir alle wissen, viele, viele Zusatzaufgaben für die Engel im Haus. Aber die “Abschaffung der Problemzonen” wuchs und wuchs, vielleicht sogar aus Trotz. Die Kapitel wanderten im Ideen-Pingpong hin- und her, Meike schrieb abends nach ihren anderen Verpflichtungen, am Wochenende und zwischen zwei Terminen, kurz: Eigentlich immer, wenn sich ein Zeitfenster auftat.

Die Autorin bei der Arbeit

Im Sommer 2021 hatte die “Abschaffung der Problemzonen” den Status “bald fertig” erreicht, aber Meike und mir wurde klar: Um dem Buch den letzten Schliff zu geben und letzte Lücken in der Argumentation zu füllen, konnten wir entweder noch monatelang Mails austauschen, oder wir mussten gemeinsam, an einem Ort, kontinuierlich und vor allem ungestört daran arbeiten. Wir mieteten uns für fünf Tage in der Ferienwohnung im Gutshaus Bassendorf ein, und was sich zunächst wie eine unglaubliche Extravaganz anfühlte, war genau das Richtige. Meike konnte in Ruhe schreiben, ohne ständig unterbrochen zu werden, ich war als Sparringspartnerin und fürs Kaffeekochen zur Stelle. Es war ein wahres Vergnügen, sich ungestört mit einem einzigen Projekt auseinanderzusetzen. Das Schreiben, Umarbeiten, Lektorieren und Korrigieren war Arbeit, fühlte sich aber wie Ferien an, denn all die tausend Kleinigkeiten und Verpflichtungen, die unsichtbare Arbeit des Engels im Haus, fiel einfach weg. Wir konnten uns ganz dem Denken und Formulieren, dem Argumentieren und Schreiben widmen, wie es schreibende Männer ganz selbstverständlich seit Jahrhunderten tun, weil sie sich nicht mit den prosaischen Niederungen des Alltags, der nächsten Mahlzeit, der Wäsche und dem Kind beschäftigen müssen.

Die Erfahrung, was mit finanzieller Unabhängigkeit, Raum zum ungestörten Arbeiten und dem Ignorieren der typischen familiären Aufgabenverteilung alles erreicht werden kann, war sehr erhellend und im Kontext der Thematik der “Abschaffung der Problemzonen” auch ernüchternd, schließlich geht es darin um die Reduktion von Frauen auf Äußerlichkeiten als ein Mechanismus des Patriarchats, Frauen von Machtpositionen und Ressourcen fernzuhalten. Meike Rensch-Bergners neues Buch “Abschaffung der Problemzonen” lässt sich also wunderbar vor dem Hintergund der Essays Virginia Woolfs lesen: Es ist entstanden, obwohl die Voraussetzungen – ein sicheres Grundeinkommen, Raum und Ruhe zum Schreiben – die meiste Zeit nicht gegeben waren.

Wenn Sie es noch nicht getan haben, laden Sie sich doch die Leseprobe herunter – hier – und werfen Sie einen Blick ins Buch!

Auf bald, Constanze Derham

*) Virginia Woolfs Essay Professions for Women ist gerade in einer neuen Übersetzung von Isabel Bogan unter dem Titel Freiheit ist erst der Anfang erschienen.